Gefährte (Deutsch)
Bedeutungen (laut http://de.wiktionary.org)http://www.postsecret.blogspot.de/:
[1] Person, die einer anderen Person durch Zuneigung oder Schicksal verbunden ist
[2] Person, die mit einer anderen zusammen etwas unternimmt
Dieser Blog soll in erster Linie über meine eigene Reise handeln.
Doch egal ob man eine Reise alleine antritt oder beendet, so ganz alleine ist man auf seinen Wegen nie. Man wird immer von anderen Menschen begleitet und teilweise auch geleitet. Diese Begegnungen erscheinen mal kurz mal lang, mal laut mal leise, mal ganz bewusst und manchmal merkt man erst nach Jahren, wer einen auf langen Strecken begleitet hat.
Ein Weggefährte meiner letzten Wochen ist Andreas.
Wir haben uns in der „Wald und Wiesen“-Gruppe kennen und schätzen gelernt. Dort hat man in einer begleiteten Gruppe die Möglichkeit, die Natur in Aachen und Umgebung zu erkunden. Diese Gruppe ist eine der wenigen Sachen, die ich von meiner letzten Etappe vermisse.
Seit etwas mehr als einer Woche sollte ich bereits in Istanbul sein. Seit genau einer Woche bin ich auf einer neuen Station der Alexianer in Aachen.
Hier gibt es wesentlich mehr Freiräume, was den Ausgang und eigene Entscheidungen angeht, dafür hat man weniger Freiheiten was den Tagesablauf betrifft. Das klingt vielleicht ein bisschen verwirrend, liegt aber ganz einfach daran, dass auf der neuen Station ein wesentlich stärkerer Fokus auf die nicht-medikamentöse Therapie gelegt wird. Man erhält mehr Möglichkeiten, wird aber gleichzeitig auch mehr in die Verantwortung genommen und muss eigenständig Termine und Verpflichtungen einhalten.
Schon bei meinem letzten Besuch bei den Alexianern hat es mich gewundert, dass einige Gäste sehr lange auf Stationen bleiben, die auf den ersten Blick nicht zu ihnen passen oder das Krankenhaus ohne Stationswechsel verlassen.
So wirklich unterscheiden beziehungsweise erkennen konnte ich nie, ob diese Gäste besonders uneinsichtig hinsichtlich ihres Krankheitsbildes sind oder ob sie ganz einfache einen eigenen Weg gefunden haben, Freiheit für sich zu definieren. Diese Frage macht mich ein wenig nachdenklich, wie unterschiedlich Freiheit und Selbstbestimmung generell definiert werden beziehungsweise, wie man sie bemessen kann.
Ich bin freiwillig bei den Alexianern angekommen, habe bereits mehr Zeit hier verbracht als erhofft, werde noch länger bleiben und habe doch mehr Freiheiten, als man es auf den ersten Blick vermutet.
Ich musste mich selbst zwingen, mein Tempo zu drosseln, mich in ein Schneckenhaus zurück zu ziehen und auf vieles zu verzichten, was mir draußen wichtig erschien.
Ich hatte wenig Kontakt zu Freunden, mündliche Verträge wurden gebrochen, Prüfungen aufgeschoben und Verpflichtungen vernachlässigt. Nachdem ich einem mir schon aus früheren Begegnungen sehr sympatischen Professor meine Lage per Mail beschrieben habe, um eine Terminvereinbarung abzusagen, erhielt ich folgende Rückmeldung: „Vielen Dank für die klaren Worte. Achten Sie zunächst einmal auf sich.“
Schon mehrfach musste ich mich bei verschiedenen Menschen und Institutionen für spontane Planänderungen entschuldigen. Ich benutze das Wort „Entschuldigung“ gerne, denn es bezeichnet kurz und prägnant eine Handlung mit der man durch schriftliche oder mündliche Mitteilung einem Adressaten zu verstehen gibt, dass die Schuld für gewisse Umstände nicht beim Sender der Mitteilung zu suchen ist. Im Gegensatz zur Beichte erleichtert man sich nicht indem man die eigenen Schuld eingesteht, sondern indem man erklärt, wie äußere Umstände dazu geführt haben, dass man sich falsch oder besser „nicht richtig“ verhalten hat.
Es gibt verschiedene Blogs die als eine Art Beichte genutzt werden (siehe Postsecret). Ich möchte jedoch lieber die Gelegenheit nutzen und meine Situation begreifbarer machen. Ich hoffe, dass möglichst viele Menschen sich selbst ein Stück weit in meinen Worten wiederfinden, aber auch lernen, besser mit Menschen umzugehen, die um Entschuldigung bitten müssen, beziehungsweise mehr oder weniger Freiraum benötigen.
Beide Seiten sollten sich die Zeit nehmen, den Gegenüber ein Stück weit besser zu verstehen, aber auch eigene Beweggründe und Umstände deutlich zu kommunizieren. Ob die Entschuldigung beziehungsweise die Annahme der Entschuldigung am Besten schriftlich, mündlich oder in Form einer Geste geschieht, das muss wohl jeder für sich selbst reflektieren.
Die „Wald und Wiesen“- Gruppe war für mich eine Möglichkeit Aachen und seine Umgebung auf neue Art kennen zu lernen. Ich musste dabei an unseren letzten Institutsausflug denken. Auch hier hatten viele Menschen aufgrund von äußeren Umständen die Chance nicht nur Kollegen sondern auch Aachen neu zu entdecken (und wenn es vielleicht nur ein kleiner Hinweis auf die Institutsgeschichte war). Wieder andere konnten oder wollten aus unterschiedlichen Gründen nicht teilnehmen und mussten ihre Nicht-Teilnahme entschuldigen.
Ihr merkt, auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, so hat mein Weggefährte nur einen Anstoß gegeben, die Gedanken die sich daraus entwickelten sind umso persönlicher.
Nach meinem Wechsel auf die neue Station, haben wir uns noch oft im Park oder in der Kantine getroffen. Heute waren wir zum zweiten Mal auf einen Kaffee und eine Nussecke im hauseigenen Café zusammen gekommen. Andreas erzählte mir von seinen Reiseplänen nach Paris, die er am Wochenende starten will. Er hatte die Reise schon mehrfach erwähnt, doch mit der Zeit wird man sehr kritisch was die Aussagen anderer Hausgäste angeht und so richtig überzeugt war ich anfangs nicht von seinen Worten.
Heute zeigte er mir eine Flugbuchung, deren Hinreisedatum bereits verfallen war, aber deren Rückreisemöglichkeit nach Düsseldorf noch in der Zukunft liegt. Hinzu kamen ausführlich beschriebene Pläne zur Hinfahrt mit dem Thalys und zu Straßen, die er in Paris besuchen will. Sein Abschied von den Alexianern sei für morgen angesetzt.
Auch mit Blick auf meine eigenen Planänderungen wünsche ich Andreas eine gute Reise (wohin auch immer sie ihn führt) und hoffe wir sehen uns jetzt erst mal wirklich für eine Weile nicht wieder.