Wir können unsere Fahrt leider nicht fortsetzen, da wir – beziehungsweise ich – gerade einen Menschen überfahren habe.
Auch wenn das sicher nicht Worte aus dem Lehrbuch der Deutschen Bahn waren, so wirkte der Lokführer überraschend gefasst. Zumindest soweit man überhaupt irgendwie gefasst sein kann, in einer Situation die diesen Satz von einem abverlangt.
Zwei Ansagen und wenige Minuten später, fand ich mich mit den anderen Fahrgästen auf Gleis 1 des kleinsten Bahnhof zwischen Aachen und Köln wieder.
Die wenigen Busse die hier halten, fahren fast ausnahmslos in noch kleinere Dörfer. Nur ein einziger bricht alle 30 Minuten in Richtung der Kleinstadt Düren auf.
Jeder der regelmäßig zwischen Köln und Aachen pendelt, hat mindestens eine Stunde seines Lebens – wenn nicht viel mehr – am Dürener Bahnhof auf Schienenersatzverkehr gewartet. Außer durch besagten SEV ist Düren eigentlich nicht als Nabel der Welt bekannt.
Doch wie bereits erwähnt, waren wir noch lange nicht in Düren. Nachdem mein Ziel bis gerade eben noch Leipzig mit Zwischenhalt in Köln war, galt es nun erstmal Düren zu erreichen. Eine Traube von Menschen versammelte sich an einer der drei Bushaltestellen des Bahnhofs.
Nachdem sich eigentlich alle Gäste des gestrandeten Zuges an der Bushaltestelle eingefunden hatten, tauchte am Ende des Gleises ein recht ungleiches Paar auf. Auf den ersten Blick hätten sie Großvater und Enkel sein können. Bereits auf anderthalb weitere Blicke hin, fehlte ihnen aber irgendwie der gewisse familiär-vertraute Flow.
Ich dachte mir „Junger Mann, du hast Charakter, dass du dich von allen Zuggästen als einziger um diesen Mann kümmerst und ihn begleitest.“ Gleichzeitig dachte ich ehrlich gesagt aber auch „Danke, dass er dein Problem ist, mit dem ich mich nicht befassen muss.“
Der junge Mann wirkte ein wenig hilflos, aber ich war fest entschlossen sein Problem nicht zu meinem werden zu lassen. Die beiden kamen ja klar.
Doch dann stellte sich raus, dass der junge Mann in diesem kleinen Ort bereits am Ziel war. Ganz im Gegensatz zu seiner Begleitung, der scheinbar so wie ich bereits früher als geplant die Reise zurück nach Aachen antreten musste.
Mein Name ist Hans Qualm
… Qualm so wie Dampf.
So stellte er sich mir vor, kurz nachdem ich den Busfahrer gebeten hatte die Tür noch eine Sekunde länger offen zu halten, ihm beim einsteigen half und seine Krücken festhielt während er sich unbeholfen in den Sitz beim Fahrer ganz vorne zwängte.
Er wirkte unbekümmert, fast wie ein Kind und schien sich zu freuen jetzt endlich wieder auf Kurs zu sein. Ich erfuhr, dass er eigentlich einen alten Freund besuchen wollte und er zeigte mir den Reiseplan, den er extra dafür ausgedruckt hatte.
In Düren mussten wir eine kurze Strecke zurücklegen um zu unserer Bahn zu gelangen und erst jetzt verriet er mir, dass er dringend eine Toilette aufsuchen müsste. Doch noch während er meinem Tipp in eine stille Ecke zu pinkeln folgen wollte und versuchte seine Hose zu öffnen, hörte ich ein resignierendes „zu spät“ und sah wie sich Teile besagter Hose ganz plötzlich verdunkelten.
Flucht nach vorne, schien die einzige Option und so motivierte ich ihn mit mir weiter in Richtung Gleise zu gehen. Es war erstaunlich wie viel Kraft in seinen Armen steckte, mit denen er seine Krücken tapfer Schritt für Schritt in Richtung Zug manövrierte.
Mein Name ist Hans Qualm
Ich bin nicht sicher wem dieser kurze und prägnante Satz galt.
Ob er sich selbst ins Gedächtnis rufen wollte, dass dieses Häufchen Elend in nasser Hose ein Mensch war. Oder ob es eine Geste der Dankbarkeit und Nähe war sich gerade in diesem Moment mir noch einmal vorzustellen.
Doch da war noch etwas anderes, etwas in seiner Stimme, was nicht zu überhören was. Etwas das ich schon oft gehört hatte und für dass ich kein Wort kenne, das treffender ist als „grell“.
Der Duden beschreibt die Herkunft des Wortes „grell“ mit mittelhochdeutsch grel = zornig, heftig, zu: grelen = laut schreien, lautmalend
In meiner Familie wird es vor allem benutzt, wenn mal wieder jemand „mit dem Kopf durch die Wand will“.
Gerade rechtzeitig erreichten wir eine Minute vor dem Zug das Gleis.
Hatte er während der Busfahrt noch geplappert wie ein Wasserfall, so wurde mein Weggefährte im Zug sehr still. Besser gesagt war er schon auf dem Weg durch den Bahnhof sehr still geworden. Doch erst jetzt wo ich ihn nicht mehr scheuchen musste fiel es mir auf. Und auch jetzt erst bemerkte ich, dass sein Körper immer stärker anfing zu zittern.
Mein Name ist Hans Qualm
murmelte er leise vor sich hin. Irgendwie musste ich versuchen ihn von seiner Situation abzulenken und ihn aus seinem Sturzflug der Gedanken herausholen. Auch wenn ich die Antwort kannte, fiel mir nichts besseres ein, als „Ist Ihnen kalt?“. Zum Glück reichte schon die Frage in sich selbst, um ihn aus seiner Gedankenwelt zu reißen.
Ich schlug vor dass wir am am Bahnhof auf der Sanifair Toilette seine nasse Hose gegen eine aus meinem Koffer wechselten. Augenblicklich sah ich eine tiefe Erleichterung in seinen Augen aufblitzen.
Im Dürener Bahnhof hatte ich sein Zittern noch nicht wahrgenommen. Ich war gehetzt von dem Gedanken ans Ziel zu kommen. Wir hatten eine gemeinsame Mission und es war durchhalten angesagt.
Für mich wirkte er aber gerade jetzt nicht mehr wie jemand Hilfebedürftiges oder jemand der von Hilfe abhängig ist. Vielmehr saßen wir im gleichen Boot und hatten eine Mission. Das Zittern während der kurzen Fahrt ermahnte mich, für uns beide einen Gang runter zu schalten.
Am Ende hatte er mir etwas geschenkt. Das Schicksal hatte uns zusammengeführt und so wich der Ärger über die Planänderung einem starken Gefühl der Dankbarkeit gegenüber meinem Begleiter.
Mein Name ist Hans Qualm
… Qualm so wie Dampf.
Mit diesen Worten verabschiedeter er sich kurz nachdem er mir das Ehrenwort abgenommen hatte, bei Ankunft an seinem Altersheim niemandem von unserem Abenteuer zu erzählen.