Der Aufzug

Es ist 20:22 an Gleis 5 bis 6 im Kölner Hauptbahnhof…

Gerade noch suchte ich nach dem perfekten Winkel für meine „Stift und Papier Webcam“. Die Leute in meinem Abteil zu beobachten, das schien mir dann doch zu intim, auch wenn es ja gerade meine mir selbst gestellte Aufgabe war, den notierenden Voyeur zu spielen. Mir eine Perspektive suchen und die Menschen beschreiben, die sich in diesem Blickwinkel bewegen, das hatte ich mir vorgenommen.

Während ich noch die Einleitung kritzel, verpasse ich beinahe bereits den dritten Aufnahme-würdigen Moment in Worte festzuhalten. Ich hatte den perfekten Winkel schon längst wahrgenommen und treffe erst jetzt die bewusste Wahl meiner Perspektive. Doch wie will es das Schicksal, genau im Moment wo ich diesen dritten Moment zu Papier bringen möchte, da ist es auch schon geschehen um die Perspektive der Wahl. Denn mit meinem Zug setzt sich auch meine Webcam in Bewegung und der Ort des Geschehens fließt langsam davon.

Daher nun aus dem Gedächtnis, meine Aufnahme am Ort meiner Wahl. Meine Dokumentation über Momente vor dem Aufzug an Gleis 5 bis 6. Drei Momente habe ich wahrgenommen. Jedes Mal war es ein Gegenstand der im Gedächtnis haften blieb und das Interesse an den zugehörigen Menschen weckte. Was alle Momente verbindet ist der Aufzug, ganz unterschiedlich sind die Menschen die während ihrer Reise auf diesen zugehen.

Der erste Gegenstand war ein Gehstock, nein genauer das Rutschgummi am Ende des Gehstocks. Ich sah ein Paar den Aufzug betreten und eigentlich ist mir gar nichts im Gedächtnis geblieben zu diesem Paar. Vielleicht war es sogar nur ein einzelner Mann und die Begleitung ist erst in meiner lückenhaften Erinnerung erschienen. Woran ich mich erinnere, das war vor allem der Rutschstopper am Ende des Gehstocks. Vor allem war es wohl der Gedanke, dass dieses kleine Element aus einem Spazierstock endgültig ein Symbol fürs Altern macht. Ein Stock der sonst auch als Hilfe beim Erklimmen hoher Berge, als Symbol für Dandytum oder für gemütliches Anlehnen beim Schafe hüten dienen kann. Er wird durch dieses kleine Elefantenfüßlein endgültig zum Zeichen, dass hier jemand alt geworden ist.

Nur ein wenig zurück gespult, da erscheint auch schon der nächste „merkwürdige“ Gegenstand vor meinem inneren Auge. Pinke Ohren aus Plüsch auf dem Kopf eines kleinen Mädchens. Was mir zuerst aufgefallen ist, das waren aber nicht die Ohren, viel mehr ein komisches oder zumindest auffallendes Verhalten der kleinen Plüschohrträgerin. Sie fotografierte mit einem Handy mehrfach den Aufzug oder zumindest sah es so aus. Was mich vor allem wundern ließ, sie fotografierte von nahem das blanke Metall des Aufzugs. Zuerst dachte ich, sie hat vielleicht einen Barcode entdeckt, aber da war doch nichts außer glänzendem Metall. Wahrscheinlich sah sie wohl einfach etwas, was meinen alten Augen verschlossen blieb. Ob es am Abstand, der Perspektive oder meinem manchmal ein bisschen eingerosteten Kinderaugen lag, wir werden es nie erfahren.

Gegenstand No. 3 war ein Reisekoffer. Wow, ein Koffer am Bahnhof, wie ungewöhlich…
Es waren dann wohl zwei Dinge, die diesen Koffer ausmachten. Das Gepäckstück hatte eine Form, wie man sie häufig von Taschen alter Lehrer oder Bahnbegleiter kennt. Es war nicht größer als ein Akkordeon und unnötig klobig, doch anders als diese Koffer – die zumindest in meinem Kopf gerade präsent sind – war der von mir ins Auge gefasste Koffer aus Stoff und nicht aus glänzend schwarzem Leder. Er wirkte wie das unpraktischste Reisegepäck, das je hergestellt wurde. Doch viel mehr beschäftigte mein Gehirn die Kombination aus Gepäckstücken, in dessen Gesellschaft sich besagter Koffer befand. Die vier Gepäckstücke wurden von einem Ehepaar, im ungefähr sechzigsten Lebensjahr, schwerfällig in Richtung Aufzug bugsiert. Spannend wurden diese Reisebegleitstücke jedoch erst in ihrer Kombination. Denn die vier Gepäckstücke in unterschiedlichster Form und Größe, sie alle schienen fast zu schreien, dass keines von ihnen alleine auf Reise gehen könnte.