Ich hatte mir fest vorgenommen spätestens nach zwei Wochen einen ersten Blogeintrag zu verfassen.
Diese „Frist“ ist mittlerweile lange abgelaufen, aber zumindest schaffe ich es vor Ende der dritten Woche was zu Papier zu bringen.
Nachdem ich in Nigeria bereits auf eine Mail von Oli geantwortet habe, kommt mir diese Mail gerade recht:
Hallo David!
Wie geht’s dir?
Ich hab tausend Fragen an dich!
Wo wohnst du denn in Istanbul? Wie schmeckt der türkische Kaffee? Hast du schon Kontakte geknüpft? Wie ist das Wetter? Hast du schon pfefferminztee und türkische Pizza getestet? Tragen viele Frauen Kopftücher? Kannst du schon türkisch?
Ich kann zwei Worte: Ane heißt Mutter. Yawasch heißt langsam. Das ist Lautschrift:)
Okay das reicht erst mal…
Liebe Grüße von Zuhause
Hier meine Antwort für alle die sich ähnliche Fragen stellen…
Hey Anne,
lieb von dir, dass du so viele Fragen stellst.
Ich wüsste sonst wahrscheinlich kaum wo ich anfangen soll. Es ist echt viel los hier….
Meine Wohnung ist nah am berühmten Taksim Platz, der ein Sammelbecken für Touristen ist. Trotzdem liegt die Wohnung am Eingang eines sehr angenehmen und wenig touristischen Viertels, in dem viele junge Leute wohnen.
Mit mir zusammen wohnen ein Student und ein 42 jähriger Türke, der allerdings sehr jung geblieben ist. Hier sind permanent neue Leute zu Besuch, die oft kaum bis gar kein Englisch sprechen. Es ist eigentlich fast immer was los und ich freue mich schon, den Frühling mit Freunden auf der Dachterrasse zu verbringen.
Der türkische Kaffee zwingt zu Gemütlichkeit, da er ohne Filter gebrüht wird und man warten muss bis er sich gesetzt hat. Sonst hat man ordentlich Knös auf den Zähnen, was mir natürlich schon passiert ist…

Ich habe schon einige interessante Bekanntschaften gemacht.
So hat mir zum Beispiel ein Erasmus-Student aus dem Wintersemester schon in den ersten Tagen seine Lieblingsecken gezeigt.
Auch wenn hier überall Deutsche sind, hatte ich bisher das Glück, auf sehr viele unterschiedliche Menschen zu treffen.
Bereits jetzt habe ich viele verschiedene Kreise kennen gelernt. Trotzdem ist es witzig zu sehen, wie man selbst in so einer großen Stadt immer wieder auf bestimmte Menschen und Orte stößt. Einen großen Teil meiner bisherigen Zeit habe ich im Nachtleben verbracht. Wer Menschen und/oder Musik mag ist hier gut aufgehoben. Viele zufälligen Bekanntschaften in den vergangenen Wochen, machen mir Hoffnung ein sehr vielschichtiges Bild von dieser Stadt zu bekommen.
An einem Abend war ich mit einer Gruppe Architekten (gibt es hier scheinbar wie Sand am Meer) auf einem Konzert in einer abgelegenen Lagerhalle. Der Abend hat deutlich gemacht, wie hilfreich es ist auch „richtige“ Istanbuler kennen zu lernen.
Wir waren eine Stunde vor dem Konzert dort und nur ein kleiner Stand mit Bier und Reis (neben Muscheln der klassische Mitternachtssnack) ließ vermuten, dass wir in dieser schäbigen Gasse richtig waren. Später auf dem Konzert herrschte eine tolle Atmosphäre und die Musik gefiel mir, auch wenn ich die Texte (wegen denen unsere türkischen Begleiter die Band feierten) leider nicht verstand.
Nach dem Konzert entwickelten sich auf einer Dachterrasse interessante Gespräche. Eine Bekannte der Architekten arbeitet für die Zeitung Hürriyet. Eventuell sollte ich mein zugegebener Maßen recht undifferenziertes Bild über das Blatt noch einmal überdenken. (Vielleicht aber auch nicht). Zurzeit warte ich noch auf Artikel, die sie mir schicken will. Bin gespannt…
Diese Woche hatte ich auch mein erstes Treffen mit den Jungs vom StartUp Socialeyes. Ich bin sehr euphorisch und zugleich realistisch.
Kann noch gar nicht festmachen wohin die Zusammenarbeit mich führen wird, aber auf die eine oder andere Art werde ich viel lernen.
Das Wetter hier lässt sich schwer beschreiben. Ich musste mich schon durch Schneematsch kämpfen, habe geschwitzt weil ich der Sonne nicht trauen wollte und gefroren weil wunderschöne Sonnentage von eisigem Wind begleitet wurden.
Türkische Pizza hatte ich schon mehrmals. Ist hier viel geiler, da sie frisch zubereitet und nicht nur aufgewärmt wird. Ich werde aber immer komisch angeguckt wenn ich nur eine bestelle, da man hier immer mindestens 2 eigentlich aber 3 isst. Generell gibt es hier viele Sachen neu zu entdecken, von denen man denkt sie zu kennen, die hier aber doch anders schmecken…
Pfefferminztee gehört zu den Dingen bei denen ich froh bin, dass noch einige Besucher kommen. Habe schon etliche Cay getrunken, aber erst beim Lesen deiner Mail ist mir aufgefallen, dass ich noch nicht einen einzigen Pfefferminztee getrunken habe.
Ich war heute in einer Sprachschule und werde bald einen Kurs anfangen. War echt nen cooler Laden, mit jungen Lehrern und irgendwie Wohnzimmer-Atmosphäre. Sonst drehen sich die Vokabeln die ich bereits gelernt habe hauptsächlich ums Essen und Trinken. Aber ist ja eigentlich der typische Ansatz. Und türkisch fluchen lernt man ja bereits in Deutschland.
Jetzt zu der wahrscheinlich schwierigsten Frage.
Ich habe vor meiner Anreise häufig Sätze gehört wie “Istanbul ist nicht wie man es sich vorstellt, die Frauen da laufen auch selten mit Kopftuch rum”. In solchen Sätzen steckt wie so oft Wahres und Falsches zur gleichen Zeit.

Auch wenn ich schon unglaublich viel Neues für mich entdecken konnte, hatte ich bisher nur einen ganz kleinen Einblick in diese unglaublich vielfältige Stadt. Die meiste Zeit habe ich auf der europäischen Seite verbracht. Ich war aber auch mehrfach auf der asiatischen Seite und habe in Bars gefeiert, in denen fast nur Türken unterwegs waren. Gerade im Nachtleben begegnet man natürlich eher Frauen ohne Kopftuch.
Ich habe junge Frauen kennen gelernt, die kein Kopftuch trugen, aber um 23 Uhr zurück bei der Familie sein müssten. Genauso habe ich sehr stark verschleierte Frauen gesehen, die spät nachts (allerdings in männlicher Begleitung) über die große Partystrasse geschlendert sind. Sie wirkten weder positiv noch negativ beeindruckt von dem Treiben. Sie belächelten das Treiben um sie herum eher.
Ich war Sonntags auf einem Wochenmarkt im Stadtteil Tarlabaşı. Der Markt gilt als günstigster hier und das Viertel als eines der ärmeren. Dort sind mir sehr viele Frauen mit Kopftuch begegnet, wobei es vielleicht auch am gehobenen Altersschnitt lag. Das Viertel ist allerdings auch bekannt für eine ausgeprägte Gay- und Transgenderkultur. Als “konservatives Viertel” würde ich es also eher nicht beschreiben.


Hier leben einfach sooo viele unterschiedliche Menschen nah beieinander.
Ich bin mir sicher dass ich noch vielen Widersprüchen begegnen werde.
Liebe Grüße vom blond gelockten Jüngling

















