Heute Nachmittag habe ich bei der Aachener Stadtverwaltung am HBF meinen Reisepass abgeholt, den ich vor etwa 5 Wochen beantragt habe.
Ich habe zu diesem Zeitpunkt 32€ Expresszuschlag in Kauf genommen, da ich bereits spät dran war und nicht die übliche Bearbeitungszeit von 3-4 Wochen hinnehmen wollte.
Auch wenn ich Dinge häufig gerne in letzter Minute erledige, wollte ich dieses Mal auf Nummer sicher gehen. Alle weiteren Schritte zur Ausstellung meines Visas sollten möglichst entspannt über die Bühne gehen.
Leider haben sich die letzten vier Wochen ganz anders entwickelt als geplant.
Meine Freunde und Verwandten können bis hier folgen, alle anderen habe ich wahrscheinlich längst abgehängt. Mir bleibt wohl nichts anderes übrig als etwas weiter auszuholen. Aber keine Sorge, ich denke es lohnt sich weiterzulesen.
Die Geschichte, die ich heute erzähle, beginnt kurz nach meinem letzten Blogeintrag, sollte seit einer Woche am Bosporus weitergeschrieben werden und führt nun doch zurück nach Aachen und somit an einen Ort, der mit Reisen mehr zu tun hat als so mancher ahnt. Ich denke gerade weder an Karl, noch an Jakobus. Diese Geschichte erzählt von Alexianern und Menschen die von ihnen auf schweren Wegen begleitet werden.
Wie so oft in meinem Leben, gibt es noch kein konkretes Drehbuch für künftige Posts, aber wer mich auf einem meiner vielen Wege begleitet hat, wird bereits wissen, wie häufig der Zufall (bzw. Fügung, Karma, Gottes Wille…) mein Leben in unterschiedlicher Weise geleitet hat.
Die Zeit in Nigeria hat mich und meine Einstellung gegenüber Dingen die man (augenscheinlich) nicht beeinflussen kann enorm geprägt. Viel mehr als diese (leider viel zu kurzen) 2 Monate, hat mich jedoch die folgende Zeit geprägt. Viele Menschen in meinem Umfeld wissen, dass ich damals an Malaria erkrankte und in der Folge eine erste psychotische Episode hatte. Leider merke ich häufig, dass sich nur wenige ein Bild machen können, was das bedeutet.
Man könnte zur Beschreibung meiner Situation Stempel wie “Mensch mit psychotischer Erkrankung” oder ähnliches wählen. Doch wirklich zu beschreiben und zu begreifen, was in den vergangenen Jahren mein Leben begleitet hat, ist für Außenstehende sehr schwierig. Aber wer mich länger kennt, weiß auch, dass gerade (oder besser gesagt fast nur) schwierige Aufgaben mir immer wieder sehr reizvoll erscheinen.
Bitte versteht mich nicht falsch. Eines will ich direkt vorweg nehmen: Ich bin keinesfalls dankbar für die Erkrankung oder versuche die negativen Folgen zu verdrängen. Dankbar bin ich jedoch für mein Umfeld, dass mir immer wieder sehr viel Schutz und Unterstützung in schwierigen Zeiten geboten hat. Besonders dankbar bin ich zudem für eine gewisse Einstellung, die sich über die Zeit entwickelt hat und welche meine Oma sehr schön mit den Worten “Wer weiß wofür es gut war!” beschreibt.
Ich habe heute brav ein Nümmerchen gezogen und dann die Wartezeit genutzt um mir im Bahnhofkiosk um die Ecke eine Zeitschrift zu kaufen. Wer mich kennt, den verwundert nicht, dass ich ohne die geplante Zeitschrift, aber mit zwei anderen Zeitschriften den Laden verlassen habe (für drei reichte mein Geld nicht und von meiner eigentlichen Wunschzeitung liegen auch beim nächsten Besuch bestimmt genug aus) und in der Stadtverwaltung noch ein Buch abgestaubt habe (siehe http://www.bookcrossing.com).
Die Überschriften der Artikel haben mich dazu verleitet die Zeitschriften “Zenith” und “Zeit-Campus” zu kaufen. Erst beim Schreiben dieses Posts ist mir aufgefallen, wie gut diese Titel im Moment passen. Mal wieder bin ich beim Versuch mein Studium und viele Nebentätigkeiten unter einen Hut zu bringen über den Zenith hinaus geschossen. Zurückblickend hatte ich eine Phase in der ich das Gefühl hatte unbesiegbar zu sein, es folgte ein Absturz. Zur Zeit befinde ich mich wieder in Therapie und muss viele Einschränkungen hinnehmen. Trotzdem geht es mir schon wieder viel besser und ich habe mich gut mit der Situation abgefunden (mal schauen wie lange diese Stimmung anhält).
Der Titel dieses Posts ist von der Redaktion des “Zeit-Campus” geklaut, aber die werden es wohl kaum mitbekommen und abkupfern ist eine uralte Form der Kunst (siehe Austin Cleon). Der Titel passt einfach gut zu einer Mentalität, die ich in den vergangenen Jahren entwickelt habe. Ihr verdanke ich, dass ich oft die richtigen Entscheidungen aus falschen Gründen und die falschen Entscheidungen aus richtigen Gründen getroffen habe.
Wenn ich zurückblicke spüre ich eine beruhigende Form von Dankbarkeit für den Weg den ich ich bisher beschritten habe. Wenn ich in die Zukunft blicke, fühle eine Mischung aus German Angst und No Wahalla.
In erster Linie merke ich, dass es mir selbst hilft, diese Zeilen niederzuschreiben. Ich hatte eigentlich vor das Wintersemester in Istanbul zu verbringen (hier der Bogen zum Anfang) und hatte sowieso geplant während der Zeit einen Blog zu führen. Ich starte nun einfach eine Station früher und werde in den kommenden Wochen einfach ein bisschen über meine aktuelle Situation berichten.
Falls meine Zeilen dem ein oder anderen helfen, besser und offener mit eigenen “Erkrankungen” umzugehen oder “gesunden” Menschen helfen kann ihre Sicht auf “Erkrankte” zu ändern so freut mich das natürlich umso mehr.
Zum Abschluss noch eine kleine Empfehlung:
Ich finde den TED-Vortrag von Elyn Saks sehr sehenswert.
Mit der beschriebenen Form ihrer Psychose kann ich mich nur sehr eingeschränkt identifizieren.
Trotzdem finde ich es inspirierend, wie die Frau mit den Einschränkungen durch ihre Erkrankung umgeht.