An Potential festhalten

„Es lohnt sich an seinen Zielen festzuhalten und sie gegebenenfalls mit Kompromissen zu erfüllen.“

Diese Worte habe ich heute in Lleida in einem Gästebuch festgehalten.

Schon am Vortag wollte Opa zu einer Kirche, die wir aber nicht gefunden haben. Am nächsten Tag stellten wir fest, dass diese Kirche eher ein Community Center war und von außen mehr nach Postamt als nach Kirche aussah. Opa bekam einen Stempel für sein Credential und ich durfte in eben dieses Buch schreiben.

Während ich geschrieben habe, da musste ich über meine letzte „Selbstfürsorge“-Session vor Abreise mit meinem Coach Michelle nachdenken, in der wir angeregt über Lebensziele gesprochen haben.

In das Buch hab ich dann geschrieben, dass ich Opa helfen durfte sein Ziel zu erreichen und beschrieben wie es auch für mich eine Bereicherung war.

Naja, um genau zu sein waren wir ja noch nicht am Ziel. Eine Nacht und eine Autofahrt waren wir noch entfernt. Und dann? Dann sollten wir sogar fast noch die Hälfte unserer Zeit der Pilgerreise vor uns haben.

Wir werden vier Nächte in Manresa – dem Ziel aller Ignatiuspilger – verbringen und zwei in Barcelona. Manresa wurde beschrieben als ein lebendiger Ort mit regem Nachtleben und sollte besonders für Opa das Ziel seiner lang ersehnten Pilgerschaft sein. So hofften wir beide glücklich zu werden.

Beim Schreiben zum Thema Ziele fiel mir etwas auf, dass ich auf unserer gemeinsamen Reise gelernt habe. Am besten konnte man Opa glücklich machen, wenn man gut hinhörte was seine Ziele angeht, aber die Wege selbst bestimmt. So konnte er sich fallen lassen und es wurde nicht unnötig kompliziert.

Während ich weiter schreibe, überlege ich ob es mit jüngeren Menschen und ihren Zielen vielleicht genau umgekehrt ist. Wie häufig war mir in der Vergangenheit schon glasklar, welchen Weg ich als Nächstes gehen möchte, ohne dass ich das Ziel überhaupt nur erahnen konnte.

Abends in Manresa haben wir dann eine dreiviertel Stunde mit Parkplatzsuche verbracht. Mich hat kurz aber intensiv beschäftigt, wie viel Konzentration mir diese völlig sinnfreie Aktion abverlangt hat. Die Straßen sind hier echt verdammt eng, mehrfach dachte ich „heute wird sich die Befreiung von der Selbstbeteiligung auszahlen“ und doch ist am Ende alles gut gegangen.

Beim Einparken in eine sehr kleine aber passende Lücke am Hang merkte ich, dass ich in ganz schlechtem Winkel angesetzt hatte.

Ich fragte mich kurz in einem halb-inneren Dialog:
„Warum gelingt es dir nicht, obwohl du es kannst?“
„Weil du aufgeregt bist…“
„Ist es denn nötig aufgeregt zu sein?“

Ab da konzentrierte ich mich wieder auf den passenden Winkel und den nötigen Abstand zum Hinterfahrzeug anstatt auf die mögliche Folgen fürs Blech.

Als ich aus wenigen Metern Entfernung mit dem Schlüssel die Blinker aufleuchten lasse, da denke ich leise: „wie schön, wenn man sich in Potential verliebt und dann tatsächlich richtig liegt“