Alleine rausgegangen bin ich schon lange nicht mehr.
Jetzt sitze ich in der „Rock & Blues Bar“ und habe Ricks Goldene Regel („es reichen die drei letzten Lieder um zu wissen ob es ein gutes Konzert war“) knapp verpasst. Auf der Bühne eine Frontfrau mit Bühnenpräsenz ganz nach Jolles Geschmack. Ich denke gerade noch darüber nach, ob ich bei der Erwähnung vom Raststätte Jubiläum „David Benito“ oder nur „David“ genannt werden möchte.
Interessanter Start in den Abend, die von mir gewählte Bar, später sollte ich noch in einem Club mit Junggesellenabschied-tauglicher European Dance Music und einer leicht weirden Kellers-Spellunke landen. Das Publikum meiner ersten Bar hat viel von dem Publikum eines klassischen Stadtfest. Viele Paare. Ich. Vielleicht auch ein Ort, an dem man mit seiner Affäre gehen würde, um nicht auf die Bekannten der Ehefrau zu treffen. Irgendwie auch ein recht entspannter Ort. Vor allem ein Ort, an dem ich nicht dem Durchschnitt entspreche und trotzdem untergehe.
Neben mir hat sich eine Frau auf einen kaputten Kinosessel gesetzt. Zu viele Plätze waren noch frei, als dass ich ihr meinen angeboten hätte, aber bequem war es ganz sicher nicht. Ich entschließe mich nicht weiter unhöflich zu sein und schreibe nicht in einer ihr fremden Sprache über sie.
Beim Konzert stand vor mir ein etwa zehn Jahre älteres Paar und tauschte einen intensiven, sehr langen Zungenkuss aus. Ich schaute hin. Ich fand den Kuss nicht ungewöhnlich, aber irgendwie merkte ich, dass ich schon länger kein Paar mehr beim Knutschen gesehen hatte. Die Öffentlichkeit des Moments irritierte, vor allem gepaart mit der Dauer des Kusses. Glas splittert auf dem Boden und verteilt sich in einem etwas übertriebenen Radius. Drama-Glas.
Immer wieder beobachtet man so etwas wie Micro-Tänze bei den Gästen der Bar. Hier ein mutiges Wackeln mit den Füßen, da für einen kurzen Moment hochgerissene Arme oder ein kurzes Drum-Solo auf die Oberschenkel. Ich überlege schon jetzt ob ich die Seite fertig schreiben und weiterziehen soll oder ob gerade darin das Spannende liegt. Das Gewöhnliche des Moments zu ertragen und festzuhalten.
Die Frau und ich haben langsam eine eigene Dynamik entwickelt. Wir koexistieren, ohne den anderen zu stören. Trotzdem frage ich mich kurz ob sie trotz mir oder wegen mir noch auf dem kaputten Stuhl sitzt. Ich überlege mir am Merchandise eine CD von der Band zu holen, aber ich mochte die Performance weit mehr als die Musik.
Die Frontfrau hat den Raum dominiert. Wenn sie den Kopf bewegte, dann wirkte es nicht so als bewegte sie den Kopf zum Drum, sondern als wenn sie den Drummer dirigierte, ihm zeigte wann es Zeit war den Klöppel zu schwingen.
Im Jetzt wieder vor mir vier Füße, die langsam vor und zurück steppen, aber eher schüchtern und fragend, anders kann ich es nicht benennen. Ich denke kurz, dass man allein durch den Blick auf die Füße erkennt, dass diese nicht mehr regelmäßig Abends unterwegs sind und früher wahrscheinlich schon. Da ermahne ich mich, nicht so urteilend zu sein, ich gehe ja selbst kaum noch „richtig feiern“. Ab in den Club. Jetzt. Sofort! Beziehungsweise nach noch 10 weiteren Zeilen.
Sechs von zehn meiner Zeilen verwende und verschwende ich auf die Beschreibung einer ziemlich unangenehm wirkenden Person im Raum. „Glory Days“ – ruft mir der Boss aus den Lautsprechern entgegen, wobei ich mir nicht 100 prozentig sicher bin, dass es Springsteen ist, der da gerade läuft. Vor mir auf dem Bild an der Wand schaut eine ziemlich coole Socke auf mich herunter. Sieht aus wie Mick Jagger, ist es aber nicht. Darüber steht deutlich SALIDA mit Pfeil in Richtung Türe.